Die Geldfalle/Die Zentralbank als letzter Retter
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Kann die Erzeugung von Geld unsere Probleme lösen?
Es gab vor einigen Jahren eine wahre Flut von sog. „Crash-Propheten“, die den prekären Zustand des Weltwirtschaftssystems mit umfangreichen Statistiken und überzeugenden Zahlen beschrieben und daraus den Schluß gezogen haben, dass ein Crash des Finanzsystems kurz bevorstehe.
In letzter Zeit ist es merkwürdig still um diese Leute geworden. Sie haben so oft Feuer gerufen, dass niemand mehr hinhört. Nachdem es den Zentralbanken und insbesondere Alan Greenspan gelungen war, 1987 den Crash abzuwenden und danach eine Finanzkrise nach der anderen einzudämmen, von Südamerika, Mexiko, Russland bis nach Asien und der LTCM Krise sind die Crash Propheten kleinlaut geworden und die Haussiers lachen sich ins Fäustchen. „Die haben das im Griff“, man hat aus der großen Krise der 30er Jahre gelernt, „wir leben in einer neuen Zeit“, in welcher Regierungen und Zentralbanken nicht mehr zulassen, dass die Welt in eine globale Krise schlittert. Die werden schon etwas finden, ist die weit verbreitete Meinung. Moral Hazard nennt man diese neue Unbedenklichkeit. Aber wie werden die Krisen alle eingedämmt, welches neue Werkzeug hat man für dieses Wunder? Woher kommt der große Mut, die Zuversicht, dass diesmal nichts schiefgehen könne?
Man hat einen neuen Gott erfunden, der uns behütet, eine Art finanziellen Übervater, die Zentralbank, als letzten Retter. Dabei handelt es sich um die geradezu kindische Vorstellung vom Papa mit der dicken Brieftasche, der uns aus allen Verpflichtungen wieder freikauft, wenn etwas schief läuft. So wie wir den Nuckelstaat erfunden haben, der alle versorgt, so haben wir jetzt auch noch den großen finanziellen Erlöser erfunden, der notfalls den Nuckelstaat und uns alle mit Geld rettet. Wie macht er das? Ganz einfach - indem er noch mehr Falschgeld erzeugt.
Technisch ist das in der Tat jetzt möglich und eigentlich kein Problem. Die Zentralbanken können mit einem Knopfdruck heute 10, 50 oder auch 100 Milliarden erzeugen und ins System bringen. Bei der Mexikokrise hat Alan Greenspan eindrucksvoll diese neue Potenz demonstriert, indem er einfach 30 Milliarden Dollar zugunsten von Mexiko in den Computer getippt hat und damit waren Mexiko und die amerikanischen Banken gerettet, weil weder Mexiko noch die Banken erklären mussten, dass leider das Geld alle sei. Anschließend hat dann die amerikanische Zentralbank allen anderen Banken mitgeteilt, was sie als ihren Anteil in ihren eigenen Computer tippen müssen. Das hat zwar zu Irritationen geführt, weil die anderen sagten, sie wollten gerne selbst entscheiden, wieviel sie in ihren Computer tippen, aber letztlich waren doch alle froh darüber, dass das System so toll funktioniert. Aber kann es funktionieren oder haben wir es nur wieder mit einer kollektiven Selbsttäuschung zu tun? Versuchen wir mal wieder selbst zu denken. Wenn es wirklich möglich wäre, die Probleme dieser Welt mit immer mehr Geld zu lösen, dann fragt man sich natürlich, warum überhaupt noch jemand arbeiten sollte. Warum bekommt dann nicht einfach jeder so viel Geld aufs Konto gebucht, wie er braucht? Aber das ist vielleicht ein bisschen zu extrem gedacht.
Überlegen wir einmal, was wirklich im Falle von Mexiko oder bei der LTCM-Rettung, die ja fast noch abenteuerlicher war, geschieht. LTCM steht für Long Term Credit Management. Es handelt sich um einen grossen Hedge-Fonds, der mit etwa 3 Milliarden Eigenkapital über 100 Milliarden Derivate bewegte und bei dem viele grosse Adressen, inklusive Zentralbanken, mitgezockt haben, weshalb man sich sehr sicher fühlte. Als der Fonds 1998 in eine Schieflage geriet, drohte das gesamte Finanzsystem in einer Kettenreaktion zu crashen. Nahezu alle grossen Banken, inklusive Zentralbanken, mussten zur Rettung einspringen. Die Deutsche Bank zahlte 350 Millionen, obwohl sie angeblich gar nicht beteiligt war. Man kann daraus erkennen, wie knapp es diesmal war. Aber betrachten wir den Fall Mexiko. Mexiko kann seine Schulden nicht mehr bedienen und müsste den amerikanischen Banken eigentlich mitteilen, dass die mexikanischen Staatsanleihen, die sie in ihren Büchern haben, wertlos sind und die amerikanischen Banken und Versicherungen, die diese Anleihen halten, müssten daraufhin ihren Kunden mitteilen, dass man leider schließen müsse und die Kundengelder weg seien, zusammen mit dem anderen Geldvermögen wie Rentenansprüche und so etwas. Nun kommt Alan Greenspan, drückt auf die Taste und plötzlich kann Mexiko seine Schulden weiter bedienen, die Banken müssen nicht abschreiben, die Kunden bekommen keine blauen Briefe und wir alle sitzen tiefer in der Falle.
Erinnern wir uns, von der Logik her muss Kreditgeld entstehen und wieder verschwinden. Wie verschwindet Kreditgeld? Indem entweder die Gegenleistung erbracht wird oder die Forderung abgeschrieben wird, weil der Schuldner stirbt oder bankrott erklärt. Die Zentralbank kann nun immer mehr Geld erzeugen und so alle Schulden am Leben erhalten, indem sie immer mehr neue Versprechungen akzeptiert, aber das ist der leichtere Teil der Übung. Versprechungen sind schnell gemacht. Bei dem etwas härteren Teil dreht es sich um die Frage, wie bekomme ich das Geld wieder aus dem System heraus. Alle alten, faulen Schulden bleiben ja, dank der Zentralbank, erhalten. Es wird weder geleistet noch abgeschrieben. Die faulen Schulden bleiben einfach als verzinsliche Forderungen weiter in den Büchern und bilden das Geldvermögen dieser Welt - eine zinstragende Illusion. Diesen etwas härteren Teil, nämlich die Frage, wie bekomme ich Falschgeld wieder aus dem System, könnte man technisch auch lösen. Paul Volcker hat das ja überraschend demonstriert, indem er die Prime Rate auf 20 % setzte. Der wirklich harte Teil ist aber die Frage, wie bekomme ich es wieder heraus, ohne dass mir das System zusammenbricht wie ein Kartenhaus. Sehen Sie, das ist die Falle - dafür gibt es nämlich keine Lösung. Es gibt nicht mal Jemand, der behauptet, eine Lösung zu haben. Also was machen wir? Wir machen noch mehr Falschgeld - vielleicht fällt uns später noch was ein - oder „die werden schon etwas finden.“
Man schätzt, dass die Geldmenge heute etwa das 80ig fache dessen beträgt, was zur Abwicklung des Welthandels nötig wäre. Nahezu alle Industriestaaten sind offiziell mit weit über 50 % ihres Bruttoinlandproduktes verschuldet. In Wahrheit aber mit weit über 100 %, weil viele Schulden, insbesondere die Pensionsforderungen, als Schuld nicht ausgewiesen werden. Die USA schulden sich selbst offiziell ca. 5600 Milliarden Dollar und nach Außen, also der Welt ca. 2500 Milliarden. Zu dieser Außenschuld kommen derzeit jährlich ca. 250 Milliarden hinzu durch das Leistungsbilanzdefizit. Noch nie hat es in der Welt eine derartige Außenverschuldung eines Landes gegeben, was natürlich mit der Leitwährungsfunktion des Dollar zusammenhängt. Man muss sich das ganz klar machen. Jahr für Jahr liefert die Welt für 250 Milliarden Dollar Waren nach Amerika, die mit Falschgeld bezahlt werden. Die Amerikaner erzeugen aus dem Nichts Dollar und bezahlen damit diese Waren. Bis vor kurzem hatten die ausländischen Staaten noch geglaubt, sie könnten mit diesen Dollars, die sie als Währungsreserve halten, später in Amerika einmal Waren einkaufen. Aber diese Illusion ist jetzt zerstört worden. Es zeigt sich nämlich plötzlich, dass man diese Währungsreserven gar nicht verwenden kann. Wenn Japan z. B. seine 800 Milliarden Dollar Währungsreserven einsetzen wollte, um aus seiner Wirtschaftskrise zu kommen, müsste es entweder die Dollar am Markt verkaufen gegen Yen. Der Dollar würde fallen und der Yen steigen am Devisenmarkt, was den Export erschwert und die Krise in Japan verschärft. Wenn Japan aber für 800 Milliarden Ware in den USA kauft, was eigentlich der normale Weg wäre, würde das die japanische Wirtschaft erst recht belasten.
Es zeigt sich also, dass man das Falschgeld, das die Amerikaner in Form von Dollar in alle Welt verteilen, nicht einmal mehr für den Kauf von Waren und Dienstleistungen einsetzen kann. Die Amerikaner wären ja auch schön töricht, wenn sie bereit wären, für ihr eigenes Falschgeld real etwas zu leisten. Sie werden das Schuldversprechen ihrer Außenschulden nie erfüllen. Dafür ist das Versprechen auch schon viel zu groß.
Für etwas kann man das Falschgeld allerdings doch einsetzen, ohne dass die Amerikaner wirklich etwas leisten müssen, nämlich für den Kauf amerikanischer Finanztitel und damit die Preise von Aktien und Anleihen in Amerika hochtreiben. Diese gestiegenen Assetpreise bieten dann eine ideale Beleihungsgrundlage für die Erzeugung von noch mehr Falschgeld. Eine riesige Blase wird mit immer mehr Falschgeld aufgeblasen.
Und etwas ist doch auch neu. Es ist das erste Mal, dass eine solche riesige Falschgeldblase nicht von einem Krieg verursacht wird. Nahezu alle Techniken zur Falschgelderzeugung wurden ja praktisch aus den Notwendigkeiten der Kriegsfinanzierung entwickelt. Durch Falschgeld werden zwar immer Ressourcen in riesigem Umfang wirtschaftlich fehlgeleitet, aber immerhin werden diesmal nicht Bomben, Flugzeuge und Bunker gebaut, um sie anschließend wieder zu zerstören zusammen mit Fabriken und Häusern. Wir können zum ersten mal erleben, wie weit man ohne Krieg eine Falschgeldblase aufblähen kann. Aber aus diesem Umstand erwächst auch ein neues Problem. Nach einem Krieg gibt es immer ein gewisses Verständnis in der Bevölkerung dafür, dass alles Vermögen weg ist. Man sieht ja, dass alles kurz und klein geschlagen wurde und die Häuser und Fabriken kaputt sind. Aber, wenn alles noch da und intakt ist und nur die Geldvermögen in Form von Ersparnissen, Aktien, Anleihen und Rentenansprüchen sich plötzlich in Luft auflösen, ist das eine neue Erfahrung, der wir uns jetzt einmal zuwenden wollen.
