Die Geldfalle/Wie könnte es diesmal ablaufen?
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Was denken sich Greenspan und Kollegen eigentlich so?
Als Kondratieff-Winter bezeichnet man das Tal bei den etwa 60jährigen Kreditzyklen, die Kondratieff als erster beschrieben hat. Der russische Forscher hatte Anfang des Jahrhunderts die merkwürdigen langen Konjunkturwellen der Industriestaaten entdeckt und statistisch beschrieben. Diese Wellen beruhen wahrscheinlich darauf, dass der Kredit im Laufe von zwei Generationen, also etwa alle 60 Jahre, bis an seine mögliche Grenze getrieben wird und dann das Kreditsystem im Kondratieff-Winter zusammenbricht. Dieser Winter beginnt meist mit einem Aktiencrash, gefolgt von einer Auflösung des Kreditsystems und einer wirtschaftlichen Depression. Der letzte Winter begann mit dem Aktiencrash 1929. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind verblüffend. Der Verlauf des Dow Jones ist fast deckungsgleich mit 1929 und die amerikanischen Zeitungskommentare aus der damaligen Zeit könnten mit den gleichen Worten auch heute wieder erscheinen.
Da heißt es, dass die finanzielle Stärke der Nation ein prosperierendes Amerika zeige, dass mehr Leute in Arbeit und Brot seien als jemals zuvor, dass die Aktienkurse unter Schwankungen immer neue Höhen erreichen würden, dass mehr Güter und Dienstleistungen als jemals zuvor für alle zur Verfügung stünden. Es bestehe ein allgemeines Vertrauen in die wirtschaftliche Prosperität des Landes und der Präsident hat die Wirtschaft als absolut gesund bezeichnet und es sei abzusehen, dass die amerikanische Nation die Armut endgültig besiege. Viele Experten gehen davon aus, dass eine Depression heute nicht mehr möglich sei, dass der Zentralbank jetzt die Mittel zur Verfügung stünden für eine kontrollierte Ausdehnng der Geldmenge zu sorgen und so ein gleichmäßiges, stetiges Wachstum zu erzielen. Hinzu käme eine Fülle neuer Instrumente, welche der Regierung zur Verfügung stünden, um für Wachstum und Vollbeschäftigung zu sorgen, wie öffentliche Aufträge, Subventionen, Monopolkontrollen, Marktregulierungen und Steuerpolitik. Wir leben in einer neuen Zeit stetigen Wachstums und die Menschen vertrauen darauf, dass Regierung und Zentralbank Mittel und Wege finden werden, diesen Zustand nunmehr dauerhaft aufrecht zu erhalten.
Dies alles entstammt Zeitungskommentaren, die 1928/29 geschrieben wurden, kurz bevor der amerikanische Aktienmarkt im Oktober 1929 zusammenbrach und danach das weltweite Kreditsystem. Tausende von Banken schlossen die Schalter und die Sparer verloren ihre Einlagen. Zehn Jahre später gab es immer noch 9 Millionen Arbeitslose in Amerika und die Aktienmärkte lagen noch immer darnieder.
Aber auf diesen Erfahrungen können wir ja heute aufbauen. Wir wissen, was damals falsch gemacht wurde und zu welchen Folgen es führte. Gibt es Möglichkeiten, es diesmal besser zu machen? Haben wir heute Instrumente und Techniken, die es damals nicht gab und die uns heute eine Wiederholung der weltweiten Depression ersparen können? Leider sieht es so aus, als ob das nicht der Fall ist und dass es auch hier trotz allem Fortschritt nicht viel Neues gibt unter der Sonne oder wie Goethe schon sagte: „Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.“
Gewiss, es ist Alan Greenspan und anderen Zentralbanken gelungen, den Prozeß 10 Jahre zu verlängern, so dass wir jetzt vielleicht einen 70 Jahre statt 60 Jahre Zyklus haben, aber womit ist das gelungen? Mit dem gleichen Trick, den auch schon die anderen vor uns benutzt haben, nämlich immer schneller immer mehr legales Falschgeld zu erzeugen. Bei seinem Amtsantritt als Chef der Zentralbank 1987 hat Greenspan tatsächlich den fälligen Kollaps verhindert, indem er massiv die Zinsen gesenkt und dem Bankensystem praktisch unbegrenzte Liquidität zur Verfügung gestellt hat, mit der Auflage, massiv an den Märkten Aktien und Anleihen zu kaufen. Den gleichen Trick wenden die Japaner und andere Industrienationen an und es steht wohl außer Frage, dass auch Alan Greenspan diesen Trick wieder anwenden wird, wenn ein Crash an den Märkten drohen sollte.
Aber was bewirkt das? Das Falschgeld, das Alan Greenspan 1987 erzeugt hat, ist immer noch im System und auch die Milliarden, welche die Japaner und alle anderen erzeugen, dürfen nicht wieder aus dem System herausgenommen werden.Warum nicht! Nun, wenn ich 100 ins System stecke, werden daraus 1000 bis 2000 und mehr, wie wir gesehen haben. Das ist schön für alle. Aber wenn ich 100 wieder rausnehme, sind auf einmal 1000 bis 2000 weg und das will niemand. Wenn man der Welt mitteilten wollte, dass 2/3 aller Geldvermögen leider aus Falschgeld bestehen und ungültig sind, hat man ein Problem. Es bleibt also nichts anderes übrig, als den gleichen alten Trick immer kühner anzuwenden, und so war es eigentlich schon immer in der Geschichte. An Kühnheit mangelt es den heute zuständigen Instanzen gewiß nicht. Die Verschuldung bzw. die Falschgelderzeugung mittels Schuldgeld hat ein bisher nicht vorstellbares Ausmaß erreicht, aber das haben die früheren Schuldgeldpioniere wahrscheinlich auch geglaubt. Jedenfalls ist die Verschuldungsgrenze weiter getrieben worden als es bisher vorstellbar war.
Aber wo liegt eine endgültige Grenze? Gibt es so etwas wie eine Grenze der Staatsverschuldung oder ist es vielleicht so, dass die Grenze immer weiter hinausgeschoben wird, je mehr Mut wir haben, sie zu verschieben? Hier werden wir wohl wieder auf Goethes Wort vom „kleinen Gott der Welt“ zurück verwiesen oder genauer auf den Satz des Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“.
Bevor ich auf diese Frage im einzelnen eingehe, legen Sie doch einmal das Buch wieder beiseite und überlegen Sie, wie hoch Sie selbst Ihre Verschuldungsgrenze ansetzen würden. Nehmen wir an, Sie würden bis zum Ende Ihres Arbeitslebens 50.000 DM im Jahr verdienen. Wieviel Schulden glauben Sie persönlich in dieser Situation aufnehmen zu können, ohne dass Sie mit einer Erbschaft rechnen oder sonstige Vermögen haben?
Ein einzelner, besonders begabter Mensch, kann sich vielleicht mit einem vielfachen seines Jahreseinkommens verschulden, weil er kühne Projekte verfolgt, die später eine Vervielfachung seines Jahreseinkommens erwarten lassen. Aber ein normaler Mensch, desses Jahreseinkommen bis zum Lebensende absehbar ist, kann sich vielleicht mit gerade mal einem Jahreseinkommen verschulden, das er später, mit sparsamer Lebensweise, wieder abspart. Bei einer Verschuldung von zwei Jahreseinkommen wird er schon unglaubwürdig, weil er das kaum abarbeiten kann, wenn nicht ein Wunder in Form einer Erbschaft hinzukommt. Je größer eine Gesellschaft ist, umso weniger Wunder dieser Art gibt es aber. Das Volkseinkommen einer modernen Industriegesellschaft von der Größe Amerikas oder Europas wächst real zwischen 2 % - 3 % pro Jahr, wenn alles gut geht. Wenn eine lebende Generation sich mit dem Volkseinkommen eines Jahres verschuldet und dafür 6 % Zinsen bezahlt, ist das von dieser Generation nicht mehr rückzahlbar. Die Schuld müsste vererbt werden und dieses Erbe nehmen Menschen freiwillig nicht an. Der Staat müsste immer mehr Menschen versklaven, um die Bedienung der Schuld aufrecht zu erhalten und das führt dann meist zum blutigen Staatsbankrott, wie er sich in der Geschichte immer wiederholt hat.
Nun kann man aber wohl davon ausgehen, dass Alan Greenspan und die anderen Zentralbanker auch so schlau sind und diese Zusammenhänge sehen. Versuchen wir also einmal wie ein Schachspieler uns in den Kopf von Alan Greenspan zu versetzen und zu überlegen, welche Züge er wohl in dieser Situation planen könnte. Er weiß, dass es einen geordneten Rückzug nicht gibt. Das Falschgeld, das in Umlauf gesetzt wurde, kann nicht wieder zurückgezogen werden. Es wird vertrauensvoll jetzt immer weitergereicht und allein schon weil dieses Falschgeld nicht vom Hubschrauber abgeworfen sondern nur verliehen wurde muss das Falschgeld jährlich um mindestens 6 % vermehrt werden, um die Schuld zu bedienen. Es gibt also keinen Weg zurück, er muss immer mehr Falschgeld erzeugen. Das Einzige, was er machen kann, ist die Falschgeldmenge so zu dosieren, dass möglichst kein Mißtrauen entsteht und er kann versuchen, die Zinsen immer weiter zu senken, wie es Japan macht, um den Prozeß zeitlich zu verlängern. Die Zinsen erhöhen darf er auf alle Fälle nicht. Das war der Fehler 1929, der zum Zusammenbruch des Systems führte.
Aber warum läßt sich das nicht unendlich fortführen? Weil es zu einem Zustand kommt, den Keynes als Liquiditätsfalle beschrieben hat und den man prosaischer auch als Falschgeldfalle bezeichnen kann. Die Menschen fangen an zu spüren, dass mit dem Geld etwas nicht stimmt. Sie schränken ihren Konsum ein und bereiten sich auf schlechte Zeiten vor. Es ist zwar reichlich Wasser in der Tränke, aber die Pferde saufen nicht mehr, wie Keynes schrieb. Obwohl man in Japan schon angefangen hat, Geld in Form von Warengutscheinen zu verschenken und der offizielle Zinssatz in der Nähe von 0 % liegt, springt die Binnennachfrage nicht an.
Die Japaner schränken sich eher immer mehr ein und sparen immer mehr, während der Staat diese Ersparnisse in marode Banken steckt, um faule Kredite zu sanieren. Das heißt aber nichts anderes, als dass die Japaner sich jetzt noch einmal vom Munde absparen, was sie früher glaubten,schon längst gespart zu haben, was aber verbraucht wurde. Das Zwangssparen, das die Banken mit ihrer Giralgeldschöpfung den Japanern auferlegt hatten, vollziehen diese jetzt.
Dies alles führt dazu, dass das Mißtrauen in das Geld allmählich wächst und dann geschieht etwas, das die Zentralbanken nicht mehr im Griff haben, nämlich die Zinsen steigen bei den Anleihen, wegen des Mißtrauens. Die Banken können zwar die kurzfristigen Zinsen senken und Geld in den Markt pumpen, so dass an Liquidität kein Mangel ist, aber die langfristigen Zinsen fangen an zu steigen, weil die Menschen dem Geld mißtrauen und immer höhere Risikoprämien verlangen. Und wenn dieser Prozess einmal begonnen hat, beschleunigt er sich immer mehr. Zusätzliches Geld erzeugt dann noch mehr Mißtrauen. Wie kann man das Entstehen dieses Mißtrauens verhindern oder den Prozeß wenigstens hinauszögern?
Hier gibt es nun in der Tat einen Trick der neu ist. Früher wurde mit dem Begriff Inflation üblicherweise ein Aufblähen der Geldmenge bezeichnet, abgeleitet von dem lateinischen Wort inflare, was soviel heißt wie Aufblähen. Es ist nun gelungen, den Leuten einzureden, Inflation sei ein Steigen der Güterpreise mit dem Ergebnis, dass es keine Inflation gibt so lange die Güterpreise nicht steigen. Weil die Leute aber normalerweise erst dann anfangen, dem Geld zu mißtrauen, wenn die Güterpreise steigen, kann man mit diesem Trick den Mißtrauensprozeß etwas hinauszögern, besonders wenn man zusätzlich noch die Preisstatistiken manipuliert.
Natürlich haben wir heute Inflation, also eine massive Aufblähung der Geldmenge und natürlich haben wir als Folge davon auch massive Preissteigerungen, aber eben nicht bei den Güterpreisen, sondern bei den Aktien- und Immobilienpreisen. Das wird aber nicht als eine nachteilige Preissteigerung empfunden, die alle ärmer macht, sondern als eine wohltätige Preissteigerung, die alle reicher macht. Für das zusätzliche Falschgeld wird also diesmal nicht Brot nachgefragt, das man ja ohnehin nur begrenzt konsumieren kann, sondern Aktien und Immobilien. Ähnlich wie 1923 werden auch diesmal die Leute Millionäre, nur dass diesmal nicht das Brot eine Million kostet, sondern die Aktie und diesmal bekommen die Leute das Geld nicht in Form von gedruckten Geldscheinen zugeteilt, sondern in Form gestiegener Aktienkurse.
Damit hat aber Alan Greenspan das gleiche Problem wie man es auch 1929 hatte. Bei dieser Art von Aktieninflation besteht die Gefahr, dass das Mißtrauen plötzlich ausbricht und die Märkte schlagartig zusammenbrechen. Also wird er versuchen, das zusätzliche Geld in eine allmähliche Güterpreisinflation zu lenken, weil dann der Mißtrauensprozess bedächtiger und kontrollierbarer abläuft. Und genau das ist es auch, was Paul Krugmann, Milton Friedmann und andere Experten jetzt empfehlen. Deutlich mehr Falschgeld erzeugen, um eine bewußte Reflationierung der Güterpreise herbeizuführen. Wenn die Leute zunehmende Inflationsraten in Form steigender Güterpreise erwarten, kaufen sie heute mehr, was die Konjunktur wieder belebt und die Pferde wieder zum Saufen bringt. Freilich würde damit auch das Problem nicht gelöst, sondern der Konkurs nur noch etwas weiter verschleppt.
Um hier einmal ein plastisches Bild zu gebrauchen, mit dem diese spannungsreiche Situation recht gut beschrieben wird, können Sie sich einen großen Staudamm vorstellen, hinter dessen Mauer immer mehr Falschgeld in das Staubecken gepumpt wird. So lange der Damm hält bleibt alles ruhig und jeder freut sich, dass mehr Liquidität im Becken ist und dass der Wohlstandsspiegel stetig steigt. Aber je mehr der Pegel steigt, umso größer wird die Gefahr, dass der Damm bricht.
Was aber könnte Alan Greenspan als Lösung planen, wenn man mal unterstellt, dass er all dies weiß und er nicht einfach den Crash kommen und die Lösung seinen Nachfolgern überlassen will. Immerhin hat er sich ja weitere 4 Jahre vorgenommen, nachdem jetzt seine Amtszeit bis 2004 verlängert wurde. Es gibt in der Tat Hinweise von Greenspan selbst, wie man sich eine mögliche Lösung vorstellen könnte. Im Prinzip läuft es darauf hinaus, parallel zu dem alten Geldsystem ein neues Geldsystem aufzubauen und zu versuchen, einen möglichst friedlichen Übergang von dem alten zum neuen System zu organisieren. Bevor wir uns mit konkreten Reformvorschlägen befassen, will ich Ihnen aber nochmals eine Lösungsvision zeigen, die Paul C. Martin in seinem Buch „Der Kapitalismus“ beschrieben hat. Sie ist so köstlich und zeigt so klar das Problem, dass man sie immer wieder einmal geniesen sollte. Dabei sollten Sie sich an die Tatsache erinnern, dass 1923 die gesamten Kriegsschulden des Reiches von ca. 154 Milliarden Mark mit 15,4 Pfennigen „bezahlt“ wurden.
God bless you!
Diesen Tag wird keiner von uns je vergessen. Die Sonne scheint, die Spitze des Capitols schimmert grellweiß strahlend. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika betritt die Tribüne. Dahinter die First Lady. Der Wind wird kräftiger. Sie hält mit der Linken ihr hellblaues Hütchen fest. Der Präsident streicht eine Locke aus der Stirn. 460 Fernsehkameras halten alles fest. Über drei Milliarden Menschen sitzen vor ihren Geräten. Dieses wird der größte, der unvergleichlichste Tag in der Geschichte der Menscheit. Denn der Führer der größten Macht der Welt wird in wenigen Sekunden verkünden, worauf jedermann wartet zwischen Tokio und Timbuktu, zwischen Stockholm und Santiago de Chile. Der amerikanische Präsident wird die Tilgung der Staatsschulden der Welt verkünden, aller Staatsschulden. Alles, was jemals unter Bezeichnungen wie Bond, Bill, Loan, Anleihe oder Emprunt, Kassenkredit oder Schatzanweisung, Notes oder Noten ins Publikum gelangte, wird hier und heute vom amerikanischen Präsidenten zurückgezahlt. Von ihm, vertretend nicht nur die USA, sondern stellvertretend für alle anderen Nationen der Erde auch, deren Staatsoberhäupter bereits rechts und links der „Tribune of Repayment“, wie es im offiziellen Führer heißt, Platz genommen haben. Wir sehen Fidel Castro neben der britischen Königin, Gorbatschow neben Südafrikas Staatschef Botha. Alle erheben sich und winken dem amerikanischen Präsidenten zu. Die Reporter sind nervös. Sie wissen nicht, von welcher Seite sie kommen werden. Die endlosen Schlangen von Sattelschleppern mit ihren Containern, in denen das „Medium“ lagern soll, jener sagenhafte Stoff, mit dessen Hilfe die endgültige Rückzahlung und Tilgung bewerkstelligt werden soll. Der Chefkorrespondent der deutschen ARD-Zentrale hat ausgerechnet, es müßten mindestens 2000 Schwerstlastwagen anrollen, um das „Medium“ zu transportieren, ganz gleich in welcher Stückelung es dann ausgegeben wird. Ist das nicht ein Band in den Landesfarben Amerikas, da links von der Tribüne, das der Präsident gleich durchschneiden wird, um den Konvoi zum Zahlplatz zu dirigieren? Dort haben sich in einem großen Halbrund die Vorstandsvorsitzer und Generaldirektoren der 1000 größten Banken dieser Erde aufgestellt, um das Inkasso abzuwickeln und persönlich zu überwachen. Die Hymne des Präsidenten ist abgespielt. Eine erwartungsvolle Stille lastet über dem weiten Platz. Von fern verhallt das letzte Kommando eines Garde-Offiziers. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika tritt einen Schritt nach vorn. „People of the world, my fellow Americans, God bless you!“ Er beginnt von der größten Stunde in der Geschichte der Menschheit zu sprechen. Jener Stunde, die nur vergleichbar sei mit anderen Stunden, da große und größte Reformwerke vollendet wurden. „Die größten Reformen waren immer jene“, der Präsident hat einen feuchten Schimmer in den Augen, „da die Last von allen Schultern genommen wurde.“ Diese Last, die drückendste Last, die es je in der Geschichte gegeben hat, soll daher auch heute wieder von den Schultern der Menschen genommen werden. „Heute werdet Ihr alle endlich frei! Endlich und endgültig! Denn heute wird die Schuld, die uns und unsere Völker so schwer bedrückt, heute wird sie endlich erlöschen. Sie wird beglichen - oder sagen wir es in the good and simple and sober American way -, sie wird bezahlt.“ Die Staatsoberhäupter erheben sich von ihren Sitzen und brechen in frenetischen Jubel aus. „Payment, payment, yeah!“ Der Teil der Staatsoberhäupter-Tribüne, wo die meisten afrikanischen Exzellenzen sitzen, bricht in diesem Augenblick zusammen. Mit den Afrikanern verschwinden der norwegische und der spanische Souverän in der Tiefe. Doch jetzt brandet der Jubel von der anderen Seite her auf. Von dort, wo die Großbankiers sitzen. Der immer noch jugendlich wirkende Chef der Citibank umarmt in schneller Folge den obersten Deutsch-Bankier und die Nummer Eins vom Zürcher Paradeplatz. Der Gouverneur der Bank von England greift verstohlen zum Flachmann und murmelt, umgeben von dem herrlichen Odeur 50jährigen „Hine‘s“ immer wieder „Cheers, cheers, cheers!“ Mit einer priesterlichen Geste, dem Ausbreiten beider Handflächen gen Himmel, verschafft sich der Präsident wieder Ruhe und Gehör. „.....Und alle die ekelerregenden Gurus und die Volksverführer und die Panikmacher, die immer wieder behauptet haben, es würde nichts zurückgezahlt, sie alle, alle, alle werden wir, die Staaten dieser Erde, hier und heute Lügen strafen. Denn heute wird gezahlt. Jetzt!“ Die 460 Kameras fahren den Präsidenten in Nahaufnahme. Der Präsident greift in seine Jackentasche. Gleich wird er die Schere hervorholen und das Band durchschneiden, damit endlich der Konvoi mit den Lastern voll „Medium“ anrollen kann. Die Grossbankiers geben über Walky-Talky Anweisungen, daß die Lastenhubschrauber starten sollen. Die Hand des Präsidenten ruht einen Moment in seiner Jackentaschen. So als würde er etwas suchen. Da, jetzt. Man sieht, wie sich die Finger schließen. Eine Faust? Ja, eine Faust kommt aus der Tasche. Der Präsident reckt die Faust in den Baldachin, der sich purpurfarben über ihm wölbt. Da, die Faust. Kamera-Schwenk. Die Faust zieht der Präsident jetzt in einem Halbkreis an gestrecktem Arm unmittelbar vor sich in Augenhöhe. Kamera-Schwenk. Die Spannung ist unerträglich. Von fern hört man bereits Rotorgeräusche. Die Hubschrauberstaffel von Daiwa Securitiers liegt offenbar in Front. Da. Ja. Da! Der Präsident öffnet langsam seine Faust. Vor seinen blitzenden Augen jetzt die flache Hand. Etwas scheint auf der flachen Hand zu liegen. „Und jetzt, jetzt, Völker dieser Erde, jetzt wird gezahlt.“ Der Präsident dreht in schneller Bewegung die Handfläche nach unten. Etwas blitzt kurz auf und fällt. Vor der Tribüne ist Betonboden. Da, etwas rollt, da. Etwas Gelbes. Nein, es ist Gold. Ja, ja, es ist Gold. Ist es nur ein Goldstück, etwa eine Unze schwer? Ja, ja. Es ist ein Goldstück, eine Unze schwer. Es ist genau 31,1 Gramm Feingold, das jetzt nach klirrendem Rundlauf direkt vor der Tribüne des Präsidenten zur Ruhe kommt. „Da“, sagt der Präsident, und er deutet mit dem Finger nach unten, „da, dort, jetzt ist gezahlt. Die Staaten dieser Erde haben ihre Schulden getilgt.“ Der Rest der Veranstaltung konnte nicht mehr übertragen werden. Es muß zu erschütternden Szenen gekommen sein. Vor allem sehr viele Londoner Bankiers, auch die Spitzen der österreichischen und der Schweizer Großfinanz, schrecklich. Es war einfach eine Panik. Die Tribüne der Staatsoberhäupter, die schon seit dem Abgang der afrikanischen Exzellenzen immer mehr Destabilisierung gezeigt hatte, brach vollends ein. Schrecklich, vor allem die vielen Staatsoberhäuptinnen, was damals sehr in Mode gekommen war, das mit den Staatsoberhäuptinnen. Entsetzlich. Am Abend gab das Schatzamt der Vereinigten Staaten die neue Gold-Parität bekannt: Eine Unze = 10 Billionen amerikanische Dollar. Selbstverständlich gab das Schatzamt auch bekannt, daß man zu diesem neuen Kurs Gold in jeder beliebigen Menge an jedermann und jederzeit verkaufen und von ihm kaufen würde. Die Welt hatte an diesem Tag zwar die Besten aus Bank- und Staatskreisen verloren. Aber sie hatte etwas ungeheuer Wichtiges gewonnen:- einen neuen Goldstandard.
